Giasar und Azora
In den reizenden Gefilden am Fuße des Kaukasus lebte in den seligen Zeiten der Feerei
und der Wunder ein alter Druid mit einem bildschönen Jüngling den man für seinen Sohn
hielt, über dessen Ursprung und Geschichte ein tiefes Geheimnis lag. Rundherum hatte
sich der Alte durch seine weit ausgebreitete Erfahrung ehrwürdig und beliebt gemacht,
denn man konnte in allen Zufällen des menschlichen Lebens nur getrost ihn um Rat fragen,
und sein Rat war gewiß immer der heilsamste. Seine geräumige aber nichts weniger als
prachtvolle Wohnung wimmelte immer von Leuten, die sich bei ihm Rats erholten und er
stand in einem solchen Ansehn unter ihnen, daß sich seinem Ausspruche jeder willig
unterwarf und Xerxes hat gewiß nie so unumschränkt geherrscht als unser Druide, ob
sich gleich nie jemand über ihn beschweren konnte. Giasar, so hieß der schöne Jüngling,
der bei ihm wohnte und von ihm in allen Wissenschaften unterrichtet wurde, war durch
seine Herzensgüte, seine Bescheidenheit, seine Offenheit ebenso beliebt bei den
glücklichen Bewohnern dieser elysischen Gegend, als die Schönheit seiner Gestalt und
seines Gesichts Bewunderung und Entzücken erweckte. Man konnte ihn in der Tat nicht
ansehn ohne ihn innigst liebzugewinnen und unter den unschuldigen Schönheiten seiner
Gegend waren wenige, die sich nicht um seinen Besitz beneidet hätten, obgleich ihr
Neid nie in bittern Groll ausartete. Alle suchten ihn zu fesseln, jede mit höhern
Gefälligkeiten ihn zu fangen und an ländlichen Festen war er oft die Ursache kleiner
Zwistigkeiten, welche mit ihm zuerst tanzen sollte oder an seiner Seite sitzen und
sich von ihm erzählen lassen; denn er wußte tausend kleine Geschichten die ihm der
alte Druide erzählt, und die er mit unendlicher Grazie seinen Gespielinnen
wiedererzählte und denen er durch das Feuer, womit er erzählte, und durch kleine
Ausschmückungen neue Reize geben konnte. Der alte Druide war der menschenfreundlichste
Erzieher seines Giasars; er erlaubte ihm unschuldige Vergnügungen sehr gern und
veranstaltete öfters selbst kleine Feste, wozu er die artige Jugend aus der Gegend
einlud; und anstatt sie durch seinen Frost zu stören, wie andre Greise getan haben
würden, denen das Alter den frohen Sinn der Jugend genommen hatte, gab er ihnen
vielmehr durch seine Gegenwart tausend Vergnügungen und Annehmlichkeiten mehr, als
sie ohne ihn würden gehabt haben. Er war unerschöpflich in Spielen, Erzählungen und
andern jugendlichen Unterhaltungen und es schien als hätte die Natur einen
jugendlichen Geist in einen ältlichen Körper gesendet. Jünglinge und Mädchen liebten
den guten Alten, der unvermerkt durch seine Contes und Unterhaltungen mehr die Seele
der Jugend ausbildete, mehr Moralität und feine Empfindungen ihnen mitteilte als eine
jahrelange Unterweisung bei besoldeten Lehrern nicht würde getan haben. Aber, hör ich
mich von zärtlichen Jünglingen fragen, mit alle dem sagen Sie uns doch, verliebte
sich Giasar denn nicht in eine der liebenswürdigen Schönen; Sie haben uns doch gesagt,
er habe ein zärtliches, weiches Herz gehabt! Nein bis jetzt noch nicht; aber wie es
zuging weiß ich nicht, liebe Jünglinge; sollten vielleicht mit aller ihrer
Liebenswürdigkeit dennoch die Mädchen, die um ihn herum wohnten, nicht imstande
gewesen sein, einen so herrlichen Jüngling als Giasar war zu fesseln; sollte er nicht
ein Ideal von weiblicher Vollkommenheit in seiner feurigen Phantasie gehabt haben,
das er in keiner von diesen Schönen wiederfand? Ich gebe Ihnen hier diese Vermutungen
nur für Vermutungen, und sollten sie Ihnen nicht befriedigend sein, so machen Sie
glücklichere oder nehmen Sie die ganze Sache als ein psychologisches Wunder an. Kurz
Giasar sah alle diese Schönen zwar ganz gern an und es fuhr ihm warm und lebendig
durch alle Glieder, wenn ein kleiner weiblicher Mund den seinigen berührte, oder beim
Spiel von ohngefähr der Schleier eines niedlichen hochklopfenden Busens in Unordnung
geriet, aber die entzückende, himmlische Leidenschaft Liebe, die schon so oft
besungen und empfunden ist, die uns vergöttert, sich selbst auf so unzählige Art
widerspricht, Hirten und Kaiser verwundet, kannte er noch nicht. Aber es wird Zeit,
daß wir auf die endliche Entwicklung von Giasars und des Druiden Schicksal kommen.
Giasar war nunmehr achtzehn Jahre alt, das glücklichste Alter der Menschheit! wo die
Blüte in ihrer lieblichsten Schönheit ist, wo Phantasie und Freude unsre einzigen
Begleiterinnen sind, eine rosenhafte Zukunft unsern bezauberten Blicken sich darstellt
und jegliche Seelenkraft aufkeimt und lebendige Wonne, seliges Himmelsgefühl durch
unsere Fibern rauscht und mit unendlichem Taumel unsren Busen schwellt. Einst an einem
entzückenden Frühlingstage schweifte Giasar herum in Wald und Tal, kletterte auf Höhen
und Berge um neue Aussichten zu entdecken und um ganz die wonnevolle Natur zu genießen
und ihre grenzenlosen Seligkeiten inniger einzuschlürfen. Plötzlich erblickte er von
einer sanften Anhöhe auf der andern Seite ein romantisches Tal, das sich sanft zwischen
ungeheure Felsen schmiegte und mit aller Frühlingspracht sich seinen trunkenen Blicken
darstellte. Himmelhohe Zedern umschlossen es von einigen Seiten und das frischeste Grün
schmückte die Auen, durch die sich sanft ein silberheller Felsenquell ergoß und die
Stille des schauerlichen Orts unterbrach. Am Ende des Tals war ein Häuschen voll
griechischer Einfalt, wie ein Tempel der Grazien, um das sich einige Myrtenbüsche sanft
gelagert hatten. Unwillkürlich stieg er wie wonnetrunken hinab, aber wie ergriff ihn
neues Entzücken, als er dicht am Eingange des Tals unter Myrten und Rosengebüschen ein
Mädchen schlafend fand, das sein Ideal von Schönheit und alle seine Gespielinnen bei
weitem an himmlischer Schönheit und überschwenglichen Reizen übertraf. Alle seine Feen-
und Zaubererzählungen fielen ihm bei, aber er fand, daß sein Abenteuer alle an Wunder
überschritt. Er rieb sich die Augen, hielt alles für einen Traum, aber als er endlich
von seinem Wachen überzeugt war, so konnte er doch nicht umhin zu glauben, es sei eine
Göttin oder eine Fee und ein süßer Schauer, der unaussprechlich angenehm war befiel
ihn. Lange wagte er es nicht näher zu treten ...
(RUB 7991, S. 35-38)
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